Ich habe die virale Grafik zu KI-Inhalten und Google überprüft. Die Hälfte stimmt.
Die Grafik, in der eine Website Zehntausende KI-Artikel ausschüttet, nach oben schießt und dann abstürzt, kursiert unaufhörlich in den sozialen Netzwerken. Das Phänomen ist dokumentiert. Die konkreten Fälle, mit denen es illustriert wird, meistens nicht — und Google sagt etwas anderes, als zitiert wird.
Auf Instagram bin ich über ein Reel mit einer Grafik gestolpert, die immer wieder die Runde macht. Eine Marke schüttet Zehntausende KI-Artikel aus, der organische Traffic schießt ein paar Monate nach oben, hält sich kurz, stürzt dann ab und hört nicht mehr auf zu fallen. Die Form erinnert an einen Berg. Die Pointe lautet meist „Google ist dahintergekommen" — und gleich dahinter steht der Link zum Kurs.
Mich hat interessiert, wie viel davon stimmt. Also habe ich es gegen die Primärquellen geprüft. Das Fazit ist unangenehm zweigeteilt: Das Phänomen ist real und ordentlich dokumentiert. Die konkrete Geschichte, mit der es in diesem Reel illustriert wurde, kann ich überhaupt nicht verifizieren.
Was Google wirklich sagt
Ich fange damit an, weil es fast immer falsch zitiert wird.
Die einschlägige Richtlinie heißt scaled content abuse und kam im März 2024. Die aktuelle Fassung bei Google Search Central:
„Scaled content abuse is when many pages are generated for the primary purpose of manipulating search rankings and not helping users. This abusive practice is typically focused on creating large amounts of unoriginal content that provides little to no value to users, no matter how it's created."
Der letzte Halbsatz — egal, wie er entstanden ist — ist genau das, was beim Zitieren unter den Tisch fällt. Diese Richtlinie handelt nicht von KI. Sie handelt von unoriginellen, wertlosen Seiten, die in großer Zahl für Suchmaschinenplatzierungen produziert werden, und sie greift bei einer Content-Farm mit schlecht bezahlten menschlichen Autoren ganz genauso.
Zu KI-Inhalten hat Google außerdem einen eigenen Text vom Februar 2023, und der ist ebenfalls ziemlich eindeutig:
„Appropriate use of AI or automation is not against our guidelines. This means that it is not used to generate content primarily to manipulate search rankings, which is against our spam policies."
Und unverblümt:
„Using AI doesn't give content any special gains. It's just content. If it is useful, helpful, original, and satisfies aspects of E-E-A-T, it might do well in Search. If it doesn't, it might not."
Die redliche Lesart ist also enger, als es beiden Lagern lieb wäre: KI-Inhalte werden nicht dafür abgestraft, dass sie von einer KI stammen. Abgestraft wird die Produktion massenhaft wertloser Seiten für Rankings — ganz gleich, wer sie geschrieben hat.
Die vierzig Prozent, die niemand gemessen hat
Noch eine Zahl, die falsch weitergereicht wird. Google schrieb im März 2024, dass „diese Aktualisierung zusammen mit den vorangegangenen Bemühungen die Menge minderwertiger und unoriginaler Inhalte in den Ergebnissen um 40 % senken wird". Das ist eine Erwartung für die Zukunft, bezogen auf die Summe der Maßnahmen — kein gemessenes Ergebnis eines einzelnen Updates. Google korrigierte den Wert später auf 45 %. Wer schreibt „das März-Update hat 40 % der KI-Inhalte entfernt", zitiert eine Prognose als Ergebnis und verschiebt dabei noch ihren Geltungsbereich.
Gemessene Zahlen kamen von Dritten. Originality.ai beobachtete 49.345 Websites, davon verschwanden 837 vollständig aus dem Index; in einer größeren Stichprobe von rund 79.000 Websites fand das Unternehmen 1.446 manuelle Maßnahmen. In der Stichprobe der deindexierten Websites wiesen alle Anzeichen von KI-Inhalten auf, und etwa die Hälfte war zu 90–100 % von einer KI geschrieben. Fußnote dazu: Originality.ai verkauft einen KI-Detektor, ist also keine unbefangene Quelle — hat aber, anders als die meisten Behauptungen in diesem Feld, Methodik und Stichprobengröße offengelegt.
Die Daten, die das Phänomen wirklich stützen
Der beste Beleg für diese Bergform ist nicht die virale Grafik. Es ist die Analyse von Lily Ray vom Mai 2026, die sich über 220 Websites angesehen hat, die die KI-Content-Plattformen selbst als ihre erfolgreichen Fallstudien veröffentlicht haben. Also genau die Fälle, die sich die Anbieter als ihr Bestes ausgesucht haben.
| Ergebnis | Anteil der Websites |
|---|---|
| Verlust von 30 % und mehr gegenüber dem Organik-Höchststand | 54 % |
| Verlust von 50 % und mehr | 39 % |
| Verlust von 75 % und mehr | 22 % |
Der typische Verlauf: 6–12 Monate lang wachsen die Seitenzahlen, der Traffic erreicht seinen Höhepunkt drei bis sechs Monate nach dem Produktionshoch, und im darauffolgenden Jahr wird der größte Teil des Zuwachses wieder ausradiert — oft bis unter das Ausgangsniveau. Die meisten Einbrüche kamen erst, nachdem die Fallstudien erschienen waren. Etliche dieser Websites haben später genau die Seiten gelöscht oder weitergeleitet, für die sie zuvor gelobt worden waren.
Eine verwandte Analyse von Malte Landwehr und Tomek Rudzki fand bei den Vorzeigekunden eines KI-Content-Tools 57 % mit Rückgängen und 22 % mit dem klassischen Hoch-und-Absturz; beim zweiten Tool verloren 75 % der präsentierten Kunden an Sichtbarkeit.
Ein methodisches Detail verdient Erwähnung: Beide Analysen nennen bewusst weder die Websites noch die Anbieter beim Namen. Ray hat es so zusammengefasst, dass die Geschichte das Muster sei, nicht die konkreten Akteure. Das ist ein strengerer Ansatz, als es auf den ersten Blick wirkt, und genau deshalb sind diese Daten glaubwürdiger als namentliche Anekdoten aus den sozialen Netzwerken.
Wo das Reel nicht standhält
Das konkrete Beispiel, mit dem das illustriert wurde: Die Marke Momcozy soll von rund 700 Seiten auf 62.000 gegangen sein, nach oben geschossen und dann abgestürzt sein.
Das konnte ich nirgends verifizieren. Keine Aufarbeitung aus der SEO-Branche, keine Sichtbarkeitskurve von Ahrefs oder Semrush, keine Meldung — und auch nichts auf der Website derjenigen Person, die es präsentiert. Die einzige größere öffentliche SEO-Analyse dieser Marke schreibt positiv über sie und erwähnt weder eine Seitenexplosion noch einen Absturz.
Das heißt nicht, dass es gelogen ist. Es heißt, dass es eine unbelegte Anekdote in der visuellen Sprache von Daten ist — und so etwas sollte nicht als Tatsache weiterverbreitet werden, erst recht nicht, wenn es sauber erhobene Daten über Hunderte von Websites gibt, die auf besserem Weg zu einem ähnlichen Schluss kommen.
Das Gegenargument, das in denselben Text gehört
Der Fairness halber. Ahrefs hat 331.000 Seiten untersucht und kam zu dem Schluss, dass Google keine KI-Inhalte bestraft, sondern schlechte Inhalte. Das passt sowohl zur zitierten Richtlinie als auch zu den Daten von Ray: Mit dem Einbruch korreliert dünnes, unoriginelles Publizieren in Masse — nicht die Tatsache, dass ein Sprachmodell im Spiel war.
Und es stimmt auch, dass die erste Hälfte — der Anstieg — real ist und groß ausfallen kann. Veröffentlichte Fälle zeigen Websites, die es mit KI-Inhalten binnen zwei Monaten von Hunderttausenden auf Millionen organischer Besuche geschafft haben. Die Frage ist nicht, ob es funktioniert. Die Frage ist, wie viel davon in achtzehn Monaten noch da ist — und bei den selbst ausgewählten Beispielen der Anbieter ist es rund die Hälfte nicht.
Was ich daraus mitnehme
Der Risikofaktor ist das Volumen, nicht das Werkzeug. Wenn ein Plan mit einer Seitenzahl beginnt statt mit einer Liste von Fragen, die Kunden wirklich haben, dann ist der Plan das Problem. 60.000 Seiten zu veröffentlichen scheitert schon aus sich heraus, bevor Google überhaupt ins Spiel kommt — niemand hält 60.000 Seiten aktuell.
KI beim Schreiben ist völlig in Ordnung. Sich von einem Modell einen Text vorschreiben, umstrukturieren, übersetzen oder redigieren zu lassen, den anschließend ein Mensch mit Sachkenntnis fertigstellt und mit seinem Namen zeichnet, hat damit nichts zu tun. Sich das zu verbieten, ist eine überzogene Reaktion.
Der Test lautet: Gäbe es diese Seite auch ohne Suchmaschinen? Wenn der einzige Grund ihrer Existenz eine Zahl aus einem Keyword-Tool ist, fällt sie in genau die Kategorie, auf die die Richtlinie zielt — unabhängig davon, wer sie geschrieben hat.
Rechnen Sie damit, dass die Messung hinterherhinkt. Die unangenehmste Erkenntnis aus diesen Daten ist, dass der Traffic-Höhepunkt drei bis sechs Monate nach dem Produktionshoch eintritt. Wer ein KI-Content-Programm im vierten Monat bewertet, liest genau den Teil der Kurve, der immer gut aussieht.
Die Umkehrbarkeit sollten Sie von vornherein mitplanen. Die Websites, die da wieder herausgekommen sind, haben das über das massenhafte Löschen oder Weiterleiten von Seiten geschafft. Wenn Sie so etwas ohnehin betreiben, halten Sie es strukturell vom Rest der Website getrennt — damit ein späteres Entfernen eine Entscheidung bleibt und kein Umbau wird.
Warum ich darüber schreibe
Weil diese Art von Inhalt gerade dadurch tückisch ist, dass sie im Kern recht hat. Das Phänomen existiert, die Daten stützen es, und der Rat „schütten Sie nicht Tausende KI-Seiten aus" ist richtig. Nur kommen eine ungeprüfte Zahl und das Zitat einer Richtlinie obendrauf, die etwas anderes sagt als behauptet — und das Ergebnis ist, dass der richtige Schluss auf den falschen Gründen steht.
Wenn ich schon etwas weiterreiche, würde ich gern wissen, welche Hälfte welche ist.
Geprüft am 12. August 2026. Richtlinientexte zitiert aus Google Search spam policies und Google Search's guidance about AI-generated content; die März-Ankündigung von Google Search Central und blog.google. Daten aus Lily Ray, „It Works Until It Doesn't"; die Deindexierungszahlen von Originality.ai über das Search Engine Journal; das Gegenargument von Ahrefs. Ein Teil der Zahlen stammt von interessierten Parteien, was im Text gekennzeichnet ist; nehmen Sie sie als Orientierung.